Wahlkreis Thun: Wer wird abgewählt?

Wahlkreis Thun: Wer wird abgewählt?

Nach dem Wahlpodium zu den Grossratswahlen im Wahlkreis Thun stellt sich die Frage: Wer muss Angst um seinen Sitz haben, wessen Wahl ist wahrscheinlich und welche Parteien könnten zulegen? Die Analyse für UND Generationentandem von Elias Rüegsegger.

Nach dem Wahlpodium von UND Generationentandem ist es Zeit für einen Blick auf die Wahlchancen der Parteien und Kandidierenden. Die Ausgangslage ist klar: Der Wahlkreis Thun hat 16 Sitze im Grossen Rat. Und 15 der bisherigen Grossräte aus der Region treten wieder an.

So haben sich die Wähleranteile der Parteien im Wahlkreis Thun entwickelt: Auffällig sind der Anstieg der GLP ab 2010 und die Verluste von SP und FDP bis 2022.

Dass es im Wahlkreis Thun zur Abwahl am 29. März 2026 von bisherigen Grossrät:innen kommt, ist sehr wahrscheinlich. Bei der Frage, wen es dieses Mal treffen könnte, wird es jedoch komplex. UND Generationentandem hat die Auswertungen der Wahlergebnisse von 2022 studiert, das Wahlbarometer von gfs.bern konsultiert und aus den Hintergrundgesprächen rund ums Podium eine Analyse gemacht.

Der zweite GLP-Sitz wackelt gewaltig…

… und dies aus drei Gründen. Erstens ist der Bisherigen-Bonus ein klarer Vorteil, und diesen hat die GLP verspielt. Denn mit Romeo Arnold tritt nur einer ihrer beiden bisherigen Grossräte wieder an. Und dieser hat erst noch wenige Sessionen auf dem Buckel.

Sein Sitz wackelt wohl nicht – aber der zweite Sitz der GLP umso mehr: Romeo Arnold beim Wahlpodium von UND Generationentandem.
Bild: Hans-Peter Rub

Zweitens hat die GLP den Sitz 2022 knapp gewonnen – und der EVP den zweiten Sitz weggeschnappt. Die GLP hat nur 1’775 Parteistimmen mehr gemacht.

Drittens: Wer von der GLP soll den zweiten Sitz sichern? Vanessa Meier auf dem zweiten Listenplatz ist erst seit 2023 Stadträtin in Thun und in der Region wohl weniger bekannt als die Gesichter der EVP, welche in direkter Konkurrenz um den wackeligen Sitz stehen. Doch zur EVP später.

Der SP-Männersitz könnte ein Schleudersitz sein

Die Stammwähler:innenschaft der SP wählt seit Jahren immer deutlicher und klarer Frauen. Die SP-Frauenliste hat bereits 2022 16’886 Stimmen mehr als die SP-Männerliste gemacht. Die SP-Männer verloren ihren zweiten Sitz. Der inzwischen verstorbene Grossrat Peter Siegenthaler wurde abgewählt.

Diesen einen Sitz haben sie nun aber auf sicher. Könnte man meinen. Doch Zweifel sind angebracht. Vor allem, weil die SP-Männerliste 2022 nur auf 5.3 Prozent aller Listenstimmen gekommen ist. Nur die Liste von Madeleine Amstutz hatte mit noch weniger Stimmen noch einen Sitz ergattert.

Immerhin ist die SP laut gfs-Umfrage kantonal mit +0.4 Prozent offenbar leicht im Aufwind. Ob aber nun die SP-Frauenliste oder die Männerliste von diesem Aufwind stärker profitiert, ist wohl offen.

Könnte plötzlich das Nachsehen haben: Sven Heunert, SP, beim Vorgespräch des Wahlpodiums im Dachstock des Höchhus.
Bild: Hans-Peter Rub

Zittern muss auch Madeleine Amstutz

Dass sie die Wiederwahl vor vier Jahren überhaupt geschafft hat, ist schon einigermassen überraschend. Ohne Partei im Rücken hat sie es mit ihrer Bürgerlichen Stadt- und Landesliste 2022 auf 5.1 Prozent gebracht. Mit weniger Listenstimmen hat keine andere Kandidierende einen Sitz im Wahlkreis erreicht.

Eindrücklich ist derweil, dass Madeleine Amstutz selbst 2022 eindrückliche 5’683 Stimmen geholt hat – dass sie als Person auch 2026 ordentlich Stimmen machen kann ist klar. Die Frage ist nur, ob das reicht, denn die weitgehend unbekannten 15 anderen Kandidierenden auf ihrer Liste könnten auf für Madeleine Amstutz gefährlich wenig Stimmen kommen.

Zudem steht Madeleine Amstutz im Wahlkampf recht isoliert da, so konnte sie keine Listenverbindungen eingehen.

Hier in der Mitte, im Wahlkampf recht isoliert: Madeleine Amstutz, Parteilos.
Bild: Hans-Peter Rub

Wo bleibts wohl beim Alten?

Die Grünen haben 2022 einen zweiten Sitz geholt – mit Andrea de Meuron und Thomas Hiltpolt treten diese beiden bekannten bisherigen wieder an. Auch wenn die grünen Themen aktuell in der Öffentlichkeit nicht enorm Konjunktur haben, dürften sie beide ihre Wiederwahl klar schaffen. Auch auf den ersten Ersatzplätzen treten bekannte Kandidierende an: Martin Christen, Gemeindepräsident von Hilterfingen auf dem dritten Listenplatz, Magdalena Erni, schweizweit bekannt als Gesicht der Jungen Grünen auf Platz vier und Thomas Lanz, Thuner Stadtratspräsidenten von 2025 auf Platz fünf. Die Liste der Grünen holte 2022 zudem im Wahlkreis Thun am zweitmeisten Stimmen. Nur die Liste der SVP Thun Ost holte 177 Stimmen mehr.

Schielt als schweizweit bekannte Persönlichkeit auf einen Sitz im Grossen Rat: Magdalena Erni.
Bild: Hans-Peter Rub

Der FDP drohen zwar laut der gfs-Umfrage mit -1.3 Prozent Verluste. Doch tritt mit Carlos Reinhard ein seit 2014 amtierender Grossrat wieder an, seine Abwahl ist noch bei weniger Stimmanteilen recht unrealistisch. Konrad Moser legt sich im Wahlkampf zwar sichtlich ins Zeug, dass es ihn so bis in den Grossen Rat spült wäre aber eine sehr grosse Überraschung. 2022 erreichte er den 8. Listenplatz.

Legt sich für den Wahlkampf ins Zeug, die Wahlchancen sind aber nicht allzu gross für Konrad Moser.
Bild: Hans-Peter Rub

Auf für die Mitte sollte es reichen, ihren Sitz halten zu können. Zwar hat die Mitte, ehemals CVP im Reformierten Kanton Bern eigentlich keine Stammwählerschaft. Doch mit der Fusion der BDP mit der Mitte konnte 2021 immerhin der Sitz von Alfons Bichsel gesichert werden. Die Mitte-Liste machte 2022 5.4 Prozent aller Stimmen – nicht viel mehr als die SP-Männerliste und die Liste von Madeleine Amstutz. Doch die Mitte scheint laut gfs-Umfrage leicht im Aufwind zu sein.

Es sollte reichen für den ehemaligen BDP- und heutigen Mitte-Politiker Alfons Bichsel.
Bild: Hans-Peter Rub

Und wer könnte einen Sitz gewinnen?

Sitzverteilung im Wahlkreis Thun seit 2006: 2022 besetzten neun Kräfte die 16 Sitze im Grossen Rat.
Bild: Elias Rüegsegger

Ist es die SVP, die in der gfs-Umfrage am deutlichsten zulegt, und so einen fünften Sitz gewinnt? Dafür spricht, dass sie mit Raphael Lanz das ultimative Zugpferd aus der Region haben. Dieser wird als aussichtsreicher Regierungsratskandidat auch als Grossrat sehr deutlich gewählt werden. Bereits 2022 war er der bestgewählte Grossrat im Wahlkreis (8’879 Stimmen). Falls Lanz gewählt würde, rückte ein neues SVP-Gesicht nach. Die SVP tritt in der Region gleich mit drei Listen an – mit sämtlichen Listen hat sie 2022 Sitze geholt (Thun West, Thun Ost, Thun Stadt). Nicht zu unterschätzen ist auch die grosse Basis der SVP in der Region, mit vielen Ortssektionen. Laut Samuel Krähenbühl hat die SVP im Wahlkreis Thun 1’301 Mitglieder (Stand 2024).

2022 der zweitbestgewählte Grossrat und seit 2014 im Amt: Samuel Krähenbühl.
Bild: Hans-Peter Rub

Oder erobert die EVP ihren zweiten Sitz zurück? Zwar drohen der EVP laut gfs-Umfrage Verluste von 0.8 Prozent. Doch im Wahlkreis Thun könnte es etwas anders aussehen. Denn auf den Listenplätzen zwei und drei hinter der bisherigen Grossrätin Melanie Beutler-Hohenberger stehen zwei bekanntere Persönlichkeiten in den Startlöchern. Einerseits Herbert Geiser, Gemeinderat aus Heimberg, andererseits Jonas Baumann, langjähriger Thuner Stadtrat. Falls es für einen zweiten Sitz für die EVP reichen würde, käme es wohl zu einer Ausmarkung dieser beiden Politiker.

Falls die EVP einen zweiten Sitz macht, könnten seine Wahlchancen nicht schlecht stehen: Jonas Baumann (zweiter von links).
Bild: Hans-Peter Rub

Und wenn am Ende die EDU einen zweiten Sitz macht? Laut gfs-Umfrage ist die Partei mit +0.9 Prozent im Aufwind. Auf dem zweiten Listenplatz hinter dem bereits seit 2017 bisherigen Grossrat Samuel Kullmann lauert Delila Gafner. Für die EDU spricht zudem, dass es im Wahlkreis Thun nicht wie 2022 eine Aufrecht-Liste gibt. Ehemalige Corona-Massnahmen-kritische Stimmen könnten am ehesten der EDU ihre Stimmen geben.

Für sein Alter schon ewig Grossrat: Samuel Kullmann.
Bild: Hans-Peter Rub

Was ist nach der Abwahl?

Abgewählt zu werden tut weh. Daraus machte beim Podium Alfons Bichsel keinen Hehl. Er selbst wurde früher einmal als Gemeinderat von Sigriswil abgewählt, zumindest temporär, vier Jahre später schaffte er dann die Wahl wieder. Angesprochen auf Tipps für all jene Grossrät:innen, die am 29. März die Wiederwahl ins Kantonsparlament nicht schaffen, meinte er: «Bleibt eurem Herzen treu, eurer Partei treu, steht für eure Politik auch weiterhin ein.»

Politisieren in und für die Region: Bei UND Generationentandem sind die Debatten vor und nach dem Podium interessant.
Bild: Hans-Peter Rub
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