Die Sprache der Tasten

Die Sprache der Tasten

Eine persönliche Geschichte, ein Gespräch mit der Klavierlehrerin Silvia Maria Skerlak und ein Erfahrungsbericht aus dem Unterricht zeichnen den Weg einer besonderen Beziehung zum Klavier nach – geprägt von Leidenschaft, Brüchen, Heilung und neuen Perspektiven.

Ich kann mich erinnern, dass mich schon als kleines Kind die Musik, Töne und Klänge begeisterten. Beim Schaukeln neben dem Kuhstall – meine Eltern führten einen Bauernhof – habe ich oft und sehr gerne eigene Melodien mit christlichen Texten gesungen. Ich war ein nachdenkliches Kind.
In der Unterschule lernte ich Sopranblockflöte, anschliessend spielte ich zwei Jahre Altblockflöte. Da mir meine Lehrerin keine neuen Fachkenntnisse mehr vermitteln konnte, entschied ich mich für ein neues Instrument. Zunächst war ich unschlüssig, doch ein altes, schlecht gestimmtes Klavier in unserem Freundeskreis weckte meine Neugier.

Manuela Reichenbach beim Klavierspiel: Heute komponiert sie eigene Stücke und arbeitet an ihrer musikalischen Ausdruckskraft.
Bild: Lena Rattaggi

Mit 13 Jahren entdeckte ich meine Liebe für die klassische Musik. Ich erinnere mich gut daran, wie ich an trüben Sonntagnachmittagen gemeinsam mit meiner Mutter diese tiefgreifende Musik hörte. Schon nach einem halben bis einem Jahr musste ich erstmals vor Publikum vorspielen. Überaus nervös, mit schlotternden Fingern, griff ich in die Tasten. Welche Herausforderung!

Heute macht es mir trotz Nervosität Freude, vor anderen Menschen zu spielen. Im Frühling 2026 durfte ich mein erstes Solokonzert geben. Ich präsentierte ausschliesslich selbstkomponierte Stücke. Seit einigen Monaten komponiere ich ohne Anleitung im klassischen Stil.

Mit 14 Jahren, nach knapp zwei Jahren Unterricht, wollte mich meine damalige Klavierlehrerin ans Konservatorium schicken. Ich war erfreut, merkte jedoch, dass ich dieser Belastung nicht gewachsen gewesen wäre. Im Teenageralter bekam ich starke Gefühlsschwankungen, eine schwerwiegende, psychische Krankheit nahm Einfluss auf mein Leben. Das Klavierspielen führte schliesslich zu völligen Blockaden und zu einem mehrjährigen Abbruch.

Ich empfand keine Liebe mehr für mein Klavier. Trauer und Frust bestimmten diese Zeit. Ich fühlte mich als grosse Versagerin und befürchtete, meinen Freund, das Klavier, ein für alle Male verloren zu haben.
Gleichzeitig war die Musik meine einzige Sprache. Ich vertraute meinem Tasteninstrument meine Trauer an. Als das Klavierspielen wegfiel, verlor ich diese Sprache und musste neu lernen, meine Innenwelt und meine Gefühle den Mitmenschen verbal mitzuteilen.

Es war eine grosse Krise, aber auch eine Chance. Mühsam, unter anderem mit Hilfe psychiatrischer Gespräche, lernte ich, mein Herz zu öffnen. Heute ist es kein Problem mehr. Fühle ich mich wohl, kann ich sehr kommunikativ sein.

Nach vielen Unterbrüchen erwachte die Lust, selbst zu improvisieren und zu komponieren. Der Traum eines eigenen Konzerts wurde wieder lebendig.

Hände auf den Tasten: Für Manuela Reichenbach ist Musik eine Sprache, um Gefühle auszudrücken.
Bild: Lena Rattaggi

Seit einigen Monaten nehme ich nun Klavierunterricht bei Silvia Maria Skerlak. Sie unterstützt mich beim Interpretieren, beim Erarbeiten der Technik und beim Ausarbeiten meiner eigenen Improvisationen und Kompositionen. Auch pädagogische Aspekte werden zunehmend wichtig, denn seit einiger Zeit schwebt mir vor, einmal eigene Klavierschüler:innen zu unterrichten.

Heute darf ich sagen, dass ich nach einer langen Durststrecke mehr Freude am Klavierspielen habe als je zuvor. Ich bin dankbar, dass ich sowohl die Sprache der Musik als auch die der Menschen sprechen kann. Krise ist auch Chance. Das spricht nun mein Herz.

Menschen musikalisch begleiten

Wie viele Jahre unterrichtest du schon Klavier?
Silvia Skerlak: Ich unterrichte seit meiner Zeit im Gymnasium. Da durfte ich bereits Stellvertretungen für meinen Professor übernehmen. Nach der Matura erhielt ich eine Anstellung an der Musikschule von Pratteln im Kanton Baselland und konnte somit einen Teil meines Studiums finanzieren. Seither gab es nie eine Pause, selbst als meine Kinder klein waren, unterrichtete ich ein kleines Pensum an der örtlichen Musikschule.

Warum wähltest du gerade das Klavier und nicht ein anderes Instrument?
Meine beste Freundin aus dem Volleyball spielte sehr gut Klavier. Das faszinierte mich, ihr Lehrer war ein temperamentvoller Pädagoge und so wollte ich nichts anderes, als auch so Klavierspielen lernen wie meine Freundin. Wir hatten zu Hause ein Klavier. Meine Mutter spielte sehr gerne darauf und sang dazu. So wuchs meine Freude an diesem Instrument.

Welches Niveau unterrichtest du am liebsten?
Ich unterrichte alle Stufen sehr gerne. Als ausgebildete Kindergärtnerin schätze ich die Verspieltheit der jungen Schülerinnen und Schüler. Beim Unterricht mit Erwachsenen begeistert mich die fachliche Herausforderung, die Arbeit am musikalischen Ausdruck durch den Einsatz verschiedenster Techniken.

Was machst du, wenn Schüler:innen ungeübt zum Unterricht kommen?
Damit habe ich kein Problem, solange es nicht andauernd so ist. Wir üben dann eben gemeinsam und ich versuche möglichst, die schwierigen Stellen anzupacken.

Was ist deine Motivation zum Klavierstunden-Geben?
Ich empfinde es als Geschenk, Menschen in ihrer Entwicklung begleiten zu dürfen, ihre Fortschritte zu verfolgen und zu sehen, was alles in ihnen steckt. Diese Freude ist immer noch da.
Welches ist in der Klassischen Musik deine Lieblingsepoche, welcher dein Lieblingskomponist?
Ui, das ist eine schwierige Frage. Als ich jung war, begeisterte mich Beethoven sehr. Heute spiele ich gerne Verschiedenes, vorwiegend Romantik und Spätromantik. Aber auch Jazz, Ragtimes und Tangos begeistern mich.

Spielst du ausserhalb des Unterrichts und des Übens noch in einem Ensemble mit?
Ich arbeite immer wieder an verschiedenen Projekten. Da begleite ich dann Solistinnen und Solisten aller Art, spiele auf 2 Klavieren oder 4-händig. Ich habe auch schon Schultheater begleiten dürfen.

Hast du gerne Konzerte mit deinen Schüler:innen?
Es bereitet mir grosse Freude, wenn ich für eine Musizierstunde intensiver als im Durchschnitt mit meinen Schülerinnen und Schülern an einem Musikstück arbeiten kann. Es ist eine gute Herausforderung für uns alle.

Was machst du in der Freizeit?
Ich bin Mitglied in einem Literaturclub, singe in einem Chor, gehe ins Fitness und wandern. Ich nähe auch sehr gerne, bin Mutter und Grossmutter, ich reise gerne, liebe Theater, Musical und Kabarett und ich bin auch gerne einfach mal mit Nichtstun «beschäftigt».

Was würdest du dir wünschen für deine Zukunft in Sachen Musik?
Da ich nun schon Seniorin bin, wünschte ich mir, mehr Seniorinnen und Senioren unterrichten zu können. Denn ich bin überzeugt, dass Klavierspielen auch im Alter eine bereichernde und sinngebende Tätigkeit ist, die zudem für geistige Fitness sorgt. Man kann immer damit anfangen. Musik kennt kein Alter – sie begleitet Menschen in allen Lebensphasen und eröffnet immer wieder neue Möglichkeiten des Ausdrucks.

Wie der Unterricht beginnt

Ich öffne die Türe und steige eine lange, steile Treppe hinauf. Nach einem leisen Klopfen heisst mich meine neue Klavierlehrerin, Silvia Maria Skerlak, einzutreten. Sie begrüsst mich sofort freundlich. Ich betrete den grossen Raum – und was steht da? Ein Flügel, mein Traum. Wie tönt wohl dieses edle Instrument?

Wir kommen rasch ins Gespräch. Sie erklärt mir ihre Unterrichtsmethoden. So kann eine Stunde aussehen: Silvia öffnet den schönen Flügel, und wir beginnen mit der Technik, einer D-Dur-Tonleiter. Mit der Zeit hat sich bei mir zum Teil eine falsche Technik eingeschlichen. Es ist ein längerer Weg, mir die richtige wieder anzueignen. Silvia meint, ich bringe viele gute Kenntnisse mit, müsse aber die Technik noch verbessern. An Musikalität jedoch fehle es nicht. Sie sagt sogar, mein Komponieren sei eine Gabe, die sie auch gerne hätte. Schon bald einmal bemerke ich, dass die Chemie zwischen Silvia und mir stimmt. Das vereinfacht das Lernen. Sie arbeite gerne mit mir, ich mache gut mit, die Stunde mit mir verstreiche immer so schnell, meint sie.

Manuela verfeinert ihre Spieltechnik im Klavierunterricht mit Silvia Maria Skerlak.
Bild: Lena Rattaggi

Zurück zum Unterricht: Ich kenne bereits die Theorie der Tonleitern und der Arpeggien in D-Dur, doch die Technik ist noch mangelhaft. Silvia korrigiert mich, indem sie sagt, ich solle beim Spielen nicht unnötige, zu grosse Bewegungen beim Spielen machen und das Handgelenk lockerlassen.

Früher habe ich verkrampft und steif gespielt, heute spiele ich manchmal mit zu grossen Bewegungen. Nun suche ich ein Mittelmass. Ich möchte lernen, locker und präzise zu spielen. Das Notenlesen habe ich einige Jahre nicht mehr praktiziert, doch Silvia weckt in mir wieder Freude daran.

Ein weiterer Bereich ist das Improvisieren und Komponieren in eigener Regie. Meine Lehrerin hilft mir dabei nicht direkt beim Komponieren, sondern beim Ausarbeiten, beim Verbessern der Technik und beim Verändern einzelner Passagen. In der Didaktik und Pädagogik stehen wir noch am Anfang. Ein Beispiel: Silvia spielt die Schülerin, und ich schlüpfe in die Rolle der Lehrerin. Ich höre mir ihre Musik an und korrigiere auf einfache, kindsgerechte und bildhafte Weise. Die Feinfühligkeit, sich in die Schüler:innen zu versetzen, ist etwas Zentrales bei einer Lehrperson. Ich war auch einmal Anfängerin.

Schon folgt das Ende der Unterrichtsstunde. Ich hoffe, dass ich mir das alles merken und umsetzen kann. Dafür braucht es viel Zeit, Geduld und Übung. Wer weiss, vielleicht kann ich später einmal in dieselben Fussstapfen treten wie meine qualifizierte Lehrerin. Das wäre eine herausfordernde, aber vielversprechende Tätigkeit.

5.0 starsyıldızSterneétoilesestrellas (1)
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest

0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen