Ein Schaufenster für Teilhabe

Ein Schaufenster für Teilhabe

Mitten in der Thuner Altstadt entsteht ein Ort, an dem Handwerk, Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe zusammenfinden. Die Boutique SILEA-Atelier ist weit mehr als ein Verkaufsraum: Sie bietet Menschen in der beruflichen Integration einen sinnstiftenden Arbeitsort. Wer eintritt, merkt schnell – hier geht es um mehr als nur Konsum.

Kurz vor acht Uhr morgens ist die Obere Hauptgasse noch ruhig. In der Boutique SILEA-Atelier brennt bereits Licht. Marlene Zbinden, die den Laden konzipiert und mit aufgebaut hat, wartet in der Tee- und Kaffee-Ecke auf mich. Im Hintergrund bereiten die Filialleiterin und die Mitarbeitenden den Tag vor: Produkte werden eingeräumt, Regale geordnet, letzte Handgriffe erledigt. Zwischen Keramik, Holzarbeiten und Textilien ist der Arbeitstag längst angelaufen, obwohl draussen noch kaum jemand unterwegs ist.

Laden, Büro und Schaufenster zugleich: Die SILEA-Boutique erfüllt viele Zwecke.
Bild: SILEA

«Wir wollten nicht einfach einen Laden eröffnen. Wir möchten die SILEA in Thun sichtbar machen und einen Begegnungsort schaffen.»

Dieser Gedanke stand am Anfang der Boutique SILEA-Atelier. Nach der Schliessung des früheren Verkaufsladens im Gwatt fehlte ein Ort, an dem die Produkte der SILEA öffentlich präsent sind. Gleichzeitig blieb bei vielen Mitarbeitenden der Wunsch nach einem neuen Laden bestehen: einem Ort, an dem man Dinge sehen, anfassen und mit Menschen ins Gespräch kommen kann.

Ein klassischer Laden kam jedoch nicht infrage. Die wirtschaftlichen Bedingungen in Thun sind anspruchsvoll. Gleichzeitig verändert das neue Behindertenleistungsgesetz im Kanton Bern die Rahmenbedingungen für Institutionen wie die SILEA. Gefragt sind Angebote, die sich am individuellen Bedarf orientieren, Teilhabe ermöglichen und zugleich wirtschaftlich tragfähig sind.

Neues Behindertenleistungsgesetz (BLG) im Kanton Bern

Mit dem BLG hat der Kanton Bern die Finanzierung der Leistungen für Menschen mit Behinderungen neu geregelt. Im Zentrum stehen der individuelle Unterstützungsbedarf, mehr Selbstbestimmung und erweiterte Wahlmöglichkeiten. Der Wechsel von der Objekt- zur Subjektfinanzierung läuft seit 2024, die Übergangsfrist dauert bis Ende 2027. Ziel ist es, Autonomie, Selbstverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe zu stärken und den Grundsätzen von Wirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und Qualität Rechnung zu tragen.

Die SILEA suchte deshalb nach einer Lösung, die Verkauf, Sichtbarkeit und Arbeitsintegration miteinander verbindet. Mit dem Projekt Restwert entstand ein Rahmen, der Arbeitsintegration und Wiederverwertung kombiniert. Die Boutique SILEA-Atelier und das Projekt Restwert nutzen in der Oberen Hauptgasse dieselbe Lokalität, werden jedoch getrennt geführt.

Projekt Restwert

Im hinteren Teil der Boutique SILEA-Atelier findet das Projekt Restwert seinen Platz. Gut erhaltene Gebrauchsgegenstände erhalten hier eine zweite Chance – Produkte, die man mit gutem Gewissen weiter verschenken würde. Nachhaltigkeit, Qualität und soziale Wirkung gehen dabei Hand in Hand.

Gleichzeitig bietet das Projekt realitätsnahe Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten in den Bereichen Logistik, Administration und E-Commerce und bereitet so konkret auf den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt vor.

Die SILEA übernimmt den gesamten Online-Verkauf – von der Erfassung bis zum Versand. Die Besitzerinnen und Besitzer erhalten 50 Prozent des Verkaufserlöses. Für Transporte im Raum Thun arbeitet die SILEA mit dem Velo-Hauslieferdienst Collectors zusammen.

Weitere Informationen:
https://info.stiftung-silea.ch/projekt-restwert
https://collectors-thun.ch

Arbeiten im Laden

Die Produkte im Laden erzählen viele kleine Geschichten. Die Vielfalt des Sortiments und der dafür nötige Arbeitsaufwand sind so unterschiedlich wie die SILEA selbst: In der Boutique findet man von der einfachen Brillenkette bis zum klappbaren Kinderhochstuhl eine breite Auswahl an schönen und praktischen Produkten.

Kreative Auswahl: Die Mitarbeiter:innen erzählen gerne, wie die verschiedenen Produkte entstanden sind.
Bild: SILEA

Ergänzt wird das Sortiment durch Kooperationen mit Partnerinnen und Partnern aus der Region. Diese Zusammenarbeit erweitert das Angebot und schafft zusätzliche Arbeitsmöglichkeiten für die SILEA.

Doch das Sortiment ist nur ein Teil der Idee. Der andere zeigt sich im Alltag zwischen Regal und Kasse. Menschen mit Unterstützungsbedarf arbeiten hier im direkten Kontakt mit Kundinnen und Kunden: Sie beraten, räumen ein und erklären Produkte. Ihre Arbeit ist sichtbar – und sie erhalten unmittelbare Rückmeldungen.

Sichtbar werden

Diese Entwicklung verlangt auch in der Öffentlichkeit ein Umdenken. Produkte, die von Menschen mit Unterstützungsbedarf hergestellt werden, sind qualitativ hochwertig und mit grosser Sorgfalt gefertigt – sie sollen für sich selbst sprechen. Die Rückmeldungen seit der Eröffnung sind entsprechend positiv: Kundinnen und Kunden schätzen die Qualität und die Authentizität der Produkte.

Nicht nur im Laden selbst ist die Resonanz erfreulich. Auch an weiteren Standorten in Thun und Umgebung, an denen SILEA ihre Produkte ausstellt, ist das Echo durchwegs positiv.

Der SILEA geht es jedoch noch um etwas anderes: Die Boutique soll nicht auf den ersten Blick als besonderes Sozialprojekt wahrgenommen werden. Sie soll ein Begegnungsort sein – ein Ort, an dem man beim «Lädelen» gerne vorbeikommt und sich willkommen fühlt.

Ein Ort zum Bleiben

Zur Boutique gehört eine kleine Tee- und Kaffee-Ecke. Tee und Kaffee sind kostenlos. Wer herein kommt, kann Platz nehmen, eine kurze Auszeit geniessen, Zeitung lesen, arbeiten oder mit anderen ins Gespräch kommen. Der Raum ist bewusst so gestaltet, dass man ihn nicht nur zum Einkaufen aufsucht.

Die Kaffee- und Tee-Ecke lädt zum Pause machen ein.
Bild: SILEA

Die SILEA wünscht sich, dass die Boutique SILEA-Atelier in Thun weiter bekannt wird: als ein Ort, den man neugierig betritt – und an dem man sich sofort willkommen fühlt.

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