Die Bieler Regisseurin Isabelle Freymond hat gewagt und gewonnen: Sie hat die Mono-Oper von Grigori Frid «Das Tagebuch der Anne Frank» in Zusammenarbeit mit dem Jungen Theater Biel, dem Sinfonieorchester Biel Solothurn TOBS! und der brillanten Jung-Sopranistin Anna Beatriz Gomes im Theater Orchester Biel Solothurn überzeugend inszeniert.
Montag, 16.02.2026
Das weltberühmte Tagebuch der Anne Frank wurde in über siebzig Sprachen übersetzt und in mehr als hundert Ländern veröffentlicht. Es gibt Filme, Theaterstücke und Musicals zum Tagebuch der wichtigsten Symbolfigur der Schoa, also warum nicht auch eine Oper? Ich muss zugeben, dass ich anfänglich etwas skeptisch war, als ich darüber im Winterprogrammheft des TOBS gelesen habe. Kann man ein thematisch wie literarisch so wichtiges Werk auf eine Stunde herunterkürzen und es mit Orchestermusik und einer einzigen Opernstimme sinnvoll «vermitteln»? Nach einem intensiven Theaterabend war für mich die Antwort klar: Ja, man kann, und wie! Der Regisseurin, Schauspielerin und Theaterpädagogin Isabelle Freymond ist gemeinsam mit dem Jungtheater Biel eine taktvolle, moderne und sinnige Inszenierung geglückt. Der Mix aus szenischen Textpassagen, ausdrucksstarker Orchestermusik und junger Sopranstimme, kombiniert mit der schauspielerischen Leistung der Protagonistin, führte auf der kleinen Bühne zu einem grossen Sog, der nicht nur das zahlreich erschienene junge Publikum, sondern auch ältere Semester mitzureissen verstand.
Die vom Komponisten ausgesuchten 21 Tagebuch-Passagen verwandelten sich auf der Bühne durch die Musik zu atmosphärischen Szenen. Die «Schattengestalten» des Jugendtheaters, verantwortlich für das Bühnenbild und die Szenenwechsel, zeigten eine stille Präsenz. Auch die Musiker verschwanden nicht im Orchestergraben, sondern sassen ebenbürtig mit der Protagonistin auf Bühnenhöhe. Die Sopranistin sang allein, aber nicht isoliert, was an Anne Frank in ihrem Versteck denken liess, die ständig in einer Gruppe war, mit ihren Gedanken aber allein.
In der einstündigen Opernaufführung haben sich Text und Musik ergänzt und richtiggehend vereint. Dies wurde erst durch die Musikvielfalt in Frids Komposition möglich: Der Wechsel von langsamen zu schnellen Rhythmen, von romantischen zu modernen Episoden, von Walzer- und Fanfarenklängen zu kammermusikalischen und lyrischen Klängen, fand im Auf und Ab der seelischen Verfassung der Tagebuchschreiberin ihr Pendant. Anne Frank gelang es damals, unter bedrohlichsten Umständen mit Präzision, Ehrlichkeit und erstaunlicher stilistischer Reife, Hoffnungen und Sehnsüchte sowie Trauer und Verzweiflung in Literatur zu verwandeln. Ihre Tagebucheinträge, mal lustig, mal ernst, dann wieder selbstkritisch bis tief philosophisch, berühren bis heute. Die brasilianische Sopranistin Anna Beatriz Gomes, die bereits 2024 «Heidi» im Bieler und Solothurner Stadttheater spielen durfte, hat es geschafft, mit ihrer wunderbaren Opernstimme, Sprechgesang und auch gesprochenen Worten, Anne Franks Texte überzeugend vorzutragen. Die sensible Orchestrierung und das engagierte Jugendtheater sorgten zusätzlich für ausdrucksstarke Stimmungsbilder.
Um die tiefsinnigen Gedanken und starken Gefühle von Anne Frank musikalisch zu erfassen, bedarf es Empathie und musikalischer Vielseitigkeit. Genau dies war die Stärke des in Russland lebenden jüdischen Komponisten, Schriftstellers und Malers Grigori Frid (1915-2012). Er war in der Musik wie in der Literatur zu Hause und besass ein besonderes Sensorium für psychisches Leiden. Als er anfangs 60er Jahre erstmals das Tagebuch der Anne Frank in Händen hielt, war er tief beeindruckt und bestürzt. Mit eigener Fronterfahrung im Zweiten Weltkrieg und einer Familie, die schwer von Stalins Säuberungsaktionen betroffen war – sein Vater war Gefangener im Sibirischen Arbeitslager –, entschloss er sich zum Gedenken an Anne Frank eine Mono-Oper zu komponieren. Das Unterfangen war während der Stalin-Ära ein Wagnis, denn der Antisemitismus, den es offiziell nicht gab, grassierte und die Thematisierung des jüdischen Leids war untersagt. Auffallend ist, dass in den von Frid ausgesuchten Tagebucheinträgen keine Passagen enthalten sind, in denen das Wort Engländer oder Alliierte fällt; dafür hat er Texte gewählt, in denen die Hoffnung auf die Erlösung durch die Russen wiederholt erwähnt wird. Dies war wohl der kluge Schachzug von Frid, um der Zensur zu entgehen.
In der starken Schlussszene brach der Operngesang abrupt ab, der Ton fiel ins Leere und Anne verschwand im Dunkeln. An ihrer Stelle traten die «Schattengestalten» ans Licht. Die jugendlichen Darstellerinnen und Darsteller reichten sich in Stille das berühmte Tagebuch, das – wie sie mit ihrem Engagement zeigten – im Heute angekommen ist, weiterlebt und weiterwirkt!