Illegal, aber friedlich – Stimmen von Jung und Alt zum Klimastreik auf dem Bundesplatz

Illegal, aber friedlich – Stimmen von Jung und Alt zum Klimastreik auf dem Bundesplatz

Die Klimastreikenden werden einen Schritt radikaler. Trotz Verbot besetzten sie den Bundesplatz. Ein Tandem machte sich auf, die Stimmung einzufangen – mit Mikrofon und Notizblock.

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Ein «und»-Team auf Spurensuche

Elf Uhr vormittags, es ist Dienstag, der 22. September 2020. Wir treffen auf dem Bundesplatz ein. Bei der Ankunft fällt gleich der traditionelle Märit in die Augen. Er nimmt den grossen Teil des Platzes ein. Es wird verkauft wie immer. Im Hintergrund allerdings wird ein grosses rundes Zelt sichtbar, das auf die Anwesenheit der Klimajugend hinweist. Wir durchstreifen den Märit und nähern uns dem Zelt. Hier stossen wir auf ein buntes Treiben in froher Stimmung. Viele sind beschäftigt, andere sitzen in Gruppen am Boden und diskutieren, aus dem Zelt tönt ein Vortrag. Von der Polizei ist wenig zu sehen. Einzig vor dem Portal des Bundeshauses stehen fünf Polizisten in Bereitschaftsstellung.

Ein erster junger Aktivist, den wir ansprechen, ist sichtlich nicht auf Kampf eingestellt. Das hier sei eine friedliche Sache. Er findet Kompromisse wichtig. Konsequenzen fürchtet er nicht. Er beruft sich auf die Versammlungsfreiheit und vertraut auf den Rechtsstaat.

Ein rundes Zelt im Hintergrund. – Bild: Luc Marolf

Eine junge, aufgestellte Frau mit kurzen Haaren ist seit Montag hier, sie hat hier übernachtet. Sie findet es wichtig, dass der Anlass nicht irgendwo, sondern hier vor dem Bundeshaus stattfindet. Hier sollten ja auch Gesetze zur Rettung unseres Planeten erlassen werden. Auch wenn die Bewegung heute den Platz verlassen müsste, so hätte sie immerhin ein Zeichen gesetzt.

«Alle müssen nun mitwirken.»

Wir befinden uns nun in der Nähe des Care-Teams und sprechen die zwei Helfenden an. Sie sind mittleren Alters. Der Mann ist hier, weil er es nötig findet. Bisher hätten die Menschen geglaubt, glücklich zu werden, wenn sie mehr besitzen. Diese Einstellung müsse sich dringend ändern. Seine Kollegin will hier für alle ein offenes Ohr haben, aber auch für die Sache einstehen. Es sei jetzt fünf vor zwölf. «Alle müssen nun mitwirken, die Wirtschaft, die Politik, Junge und Alte.» Letzteres habe übrigens schon begonnen, es gebe bereits eine Organisation von Klimagrosseltern.

Klimaaktivisten und Märit auf dem Bundesplatz. – Bild: Luc Marolf

Nun wollten wir aber auch wissen, wie die Leute an den Marktständen auf das Camp reagieren. Zuerst fragen wir eine junge, sanft wirkende Frau. Für sie ist das ganze Unternehmen hier unnötig. Gemäss Bibel müsse ja die Katastrophe kommen, und Jesus werde dann alles in Ordnung bringen. Wohl nicht repräsentativ für alle Marktfahrer. – Ein Mann mittleren Alters, Inhaber eines grossen Standes, argumentiert sachlich und überlegt. Er findet die Aktion der Jungen sympathisch. Am frühen Morgen habe es zwar etwas Ärger gegeben. Unnötigerweise hätten sie eine halbe Stunde untätig warten müssen, um den Platz einzunehmen. Ob er mit einem finanziellen Verlust rechnen muss, weiss er erst, wenn er Bilanz zieht. Im Übrigen seien ja die jungen Leute freundlich und in keiner Weise aggressiv.

Friedliche Stimmung. – Bild: Luc Marolf

Wir werden stutzig. Gibt es denn niemand hier, der sich über den Anlass ärgert? Wir schauen uns um und haben schliesslich Glück. Ein 82-jähriger Mann freut sich, uns seinen Ärger auszudrücken. Gegen Demonstrationen hat er nichts, und dass es ein Klimaproblem gibt, anerkennt er. Aber es gehe nicht, das Problem den alten Leuten anzulasten. Das Ganze hier sei übrigens illegal, und das zeige, wie die Jungen wieder einmal «ihren Gring dürestiere». Dieser Platz sei früher ein Parkplatz gewesen, und da habe die Stadt, die ja immer zu wenig Geld hat, viel verdient daran. Und dann die Reitschule, das sei auch eine Schande. «Und warum müssen diese Jungen genau den Bundesplatz besetzen?»

Illegal?

Vom grossen Zelt her kommen laute Sprechchöre. Sie klingen wütend, entschlossen. Aber dann auch wieder fröhlich. Lieder werden gesungen. Einer wirft Wörter auf, die Menge stimmt ein. Wir schauen uns weiter um.

Eine ältere Frau wirkt sehr interessiert. Sie hat Verständnis, dass die MarktfahrerInnen nicht glücklich sind mit dieser Aktion. Aber als Grossmutter kann sie auch das Vorgehen der Jungen verstehen. Wir Menschen dürfen nicht weiterfahren wie bisher. Und mit den kleinen Häppchen, wie sie unser Parlament beschliesst, kommen wir nirgendwo hin. Illegal? Es ist ja alles so friedlich, und was das Parlament und was die Banken treiben, ist das denn besser? Sie hat bei den 68ern mitgemacht, und damals ging es anders zu und her!

Im Tandem unterwegs: Werner Kaiser und Luc Marolf. – Selfie: Luc Marolf

Die nächste Passantin findet die Sache der Jungen gut. Doch statt illegal zu handeln, könnte man ja auch gegenseitige Toleranz walten lassen, den Dialog suchen. So wären die Probleme lösbar. «Wenn alle stur bleiben und nur die eigene Meinung gelten lassen, geht so viel Energie verloren. Wir haben viel geleistet und ein gutes Leben gehabt. Wir könnten doch das Leben noch geniessen, und zwar gemeinsam!»

Zwölf Uhr naht. Das Ultimatum läuft in ein paar Minuten ab. Eine gespannte Atmosphäre verbreitet sich auf dem Platz. Werden sich die Jungen zurückziehen? Wird die Polizei eingreifen? Verschiedene JournalistInnen sind mit ihren Geräten eingetroffen. Doch nichts geschieht. Der Anlass geht munter weiter. Laute Forderungen werden in Richtung Bundeshaus gerufen. Sprechchöre ertönen. Lieder werden gesungen. Einzelne Politiker verlassen das Bundeshaus, drücken sich an der Menge vorbei. Einer rastet aus. Das Camp bleibt ruhig und führt seine Aktionen weiter.

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