«Die Gäste reisten mit Kutsche und Pferden an»

«Die Gäste reisten mit Kutsche und Pferden an»

In der Schweiz gibt es verschiedene geschichtsträchtige Belle-Époque-Hotels. Eines davon ist das Parkhotel Gunten. Es galt damals als eines der modernsten Häuser im Berner Oberland. Hoteldirektor Bruno Carizzoni über den Glanz der alten Tage und die sich wandelnden Gästebedürfnisse.

Priska Troxler: Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Haus?

Bruno Carizzoni: Die unvergleichbare Lage direkt am See mit Blick auf unsere Berner Oberländer Berge. Die Luft, die Weite, die Besonnung bei schönem Wetter von morgens bis abends. Und natürlich der spannende Gästemix. Mir gefällt unser familiäres Team, das mit sehr viel Leidenschaft und Herzblut arbeitet. Die Rückmeldungen von unseren Gästen zeigen, dass sie die positive Stimmung in unserem Haus wahrnehmen und schätzen.

Das Parkhotel Gunten galt im letzten Jahrhundert als eines der modernsten Häuser im Berner Oberland. Weshalb?

Das Parkhotel wurde im Mai 1910 als Saisonhotel eröffnet und war von April bis Oktober in Betrieb. Alle Zimmer hatten fliessendes Wasser mit Lavabo. Zudem gab es auf den Etagen Badezimmer mit Badewannen, was damals keine Selbstverständlichkeit war. Die Korridore wurden sehr weitläufig gehalten und konnten mit einem Lift erreicht werden. Der Speisesaal sowie das Restaurant mit den hohen Räumen wirkten modern, geräumig und gediegen. Der grosszügige Park und der Seeanstoss tragen auch heute noch zum edlen Ambiente bei. Hinter der Dorfstrasse nach Merligen war die Stallung für die Gäste, die mit Kutscher und Pferden anreisten.

Was hat das Parkhotel Gunten mit den geschichtsträchtigen Belle-Époque-Häusern gemeinsam?

Die Geschichte und die Architektur des Parkhotels zeigen Parallelen zu diesen Häusern. So wurde das Hotel im Jugendstil und Neubarock erbaut. Dazu gehörten Olivenblätterornamente und eine grosszügige Architektur, die im ganzen Haus noch heute sichtbar ist. Ein «Pièce de Résistance» ist der beidseitige Treppenabgang, der in die Hotelhalle, den Saal und ins Restaurant führt. Die grosszügige Fensterfront ist ein weiteres Element, das in den Innenräumen mit Sicht auf den See und die Berge sehr beeindruckt. Der Charme und die Aura des Parkhotels sind spür- und erlebbar geblieben.

Damals: Das Parkhotel Gunten am Thunersee, circa 1913.
Bild: ZVG, Parkhotel Gunten

Welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie auf den Betrieb?

Während der Corona-Zeit war das Parkhotel durchgehend offen und sehr gut besucht. Wir hatten praktisch ausschliesslich Gäste aus der Schweiz und konnten viele neue Stammgäste dadurch gewinnen. Die ersten beiden Coronajahre waren sehr erfolgreich, weil wenige Schweizerinnen und Schweizer ins Ausland reisten. Im dritten Jahr pendelte sich der Besuch der Hotelgäste wieder im gleichen Rahmen wie in den Vorjahren ein.

Wie herausfordernd ist es, ein Hotel mit einer solchen Vergangenheit zu führen?

Wir versuchen stetig, uns den sich ändernden Gästebedürfnissen anzupassen. Sicherlich ist die Infrastruktur mit derart grosszügigen Räumlichkeiten eine Herausforderung für alle ähnlichen Hotelbauten dieser Zeit. Ich denke da nur schon ans Heizen oder die Reinigung. Heute würde man betriebswirtschaftlich und energetisch bestimmt nicht mehr so bauen. Wir versuchen, das Hotel mit Respekt und unter Wahrung der historischen Substanz dem Lauf der Zeit anzupassen. Aktuell stehen weitere Zimmerrenovationen im Fokus. Von unseren 51 Zimmern sind knapp die Hälfte in den letzten Jahren renoviert worden, die restlichen Zimmer werden folgen.

Während der Belle-Époque-Hotellerie war der Personalbestand hoch. Wie sieht die Situation heute aus?

Früher hat das Personal noch alles von Hand gemacht. Inzwischen übernehmen im Wäsche- oder Küchenbereich viele Maschinen die Arbeit. Der Fachkräftemangel hat sich nach Corona wieder etwas beruhigt. Nur Küchenpersonal ist nach wie vor schwierig zu finden. Es besteht eine hohe Fluktuation in unserer Branche. Das Wichtigste in der Personalführung ist ein Team mit guten Führungskräften. Die junge Generation legt Wert auf einen respektvollen Umgangston. In der Gastro-Hotellerie-Community ist man gut vernetzt. Es spricht sich schnell herum, wo ein guter «Groove» herrscht und das Personal gerne arbeitet. So gesehen profitieren wir von unserer familiären und menschlichen Atmosphäre im Team.

Belle Époque heute: Das Parkhotel Gunten verbindet historische Architektur mit zeitgemässem Komfort.
Bild: Monika Hirschmann

Sie beschreiben sich als Mehrgenerationenhaus. Wie muss man sich das vorstellen?

Wir haben sehr oft Gästegruppen mit Grosseltern, deren Kindern und Enkeln, die jedes Jahr bei uns übernachten. Mit unserem Spielzimmer, dem Spielplatz im Park und den Badestellen am See sind wir für Familien attraktiv. Auch das unkomplizierte und entspannte Ambiente in unserem 3-Sterne-Superior-Haus spricht Familien an. Wir mögen Kinder und sind uns bewusst, dass es manchmal im Restaurant auch etwas lauter werden kann. Da vermitteln wir auch mal zwischen den Gästen; es braucht Verständnis von allen Seiten. Übers ganze Jahr gesehen haben wir viele Familien aus der Region, die bei uns ihre Taufen, Geburtstage, Konfirmationen oder Hochzeiten feiern. Diese lokale Verankerung ist für uns auch wirtschaftlich gesehen wichtig, da Feste bei jedem Wetter durchgeführt werden und nicht nur, wenn die Sonne scheint.

Was ist ein guter Gästemix?

Es gibt einen hohen Anteil an Stammgästen; über das Jahr verteilt wohl gegen 50 Prozent. Punktuell beherbergen wir auch kleinere Gruppen aus dem In- und Ausland, doch der Fokus liegt klar auf dem Individualtourismus. Durchschnittlich hält sich ein Gast ein paar Tage bis eine Woche bei uns auf, in seltenen Fällen auch mal 10 Tage oder mehr.

Entwicklungen, aber nicht Trends: Das Parkhotel Gunten geht mit der Zeit.
Bild: ZVG, Parkhotel Gunten

Wohin geht der Trend in der Hotellerie?

In unserem historischen Haus sind wir möglicherweise etwas immuner gegen kurzlebige Trends wie spezielles Interior-Design oder die neusten technologischen Gadgets in den Zimmern. Dennoch spielen geänderte, flexiblere Essenszeiten wie auch andere Kommunikationsformen eine immer grössere Rolle. Mit der Digitalisierung prüfen wir derzeit in der Gästekommunikation die Einführung eines Chatbots. Momentan übernehmen diese Aufgabe noch unsere Reception-MitarbeiterInnen. Auf den Social-Media-Kanälen sind wir präsent, doch diese sind noch ausbaufähig. Wir merken, dass sich die jüngere Generation spontan und jederzeit via Handy, unabhängig von Wetter und Ort, informieren möchte. Wir sind nicht ein urbanes Lifestylehotel wie es sie in Zürich, Basel oder Bern gibt. Wir punkten mit der Lage und dem grosszügigen Park. Dies allein genügt jedoch nicht. Es ist das Gastgebertum, das schon immer hier gelebt wurde. Dies beinhaltet eine echte und authentische Gastfreundschaft. Mit Liebe – und aus dem Herzen.

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