Die Gesellschaft befindet sich im ständigen Wandel – und mit ihr das Bildungssystem. Wie sich die Ausbildung von Lehrpersonen seit den ersten Lehrerseminaren verändert hat, erklärt der Bildungshistoriker Lucien Criblez im Gespräch mit der Autorin.
Dienstag, 22.07.2025
Vor der Einführung der Lehrerseminare blieben die Lehrer oft ohne Ausbildung, oder sie absolvierten eine Art Lehre. Oft lernten die Söhne, seltener auch schon Töchter, den Lehrerberuf von ihrem Vater. Dies war nicht zu vergleichen mit der späteren Ausbildung, denn sie wurden nur über das nötigste Wissen aufgeklärt. Die Schulzeit war für die Kinder auch kürzer als heute. Eine rudimentäre Schulpflicht existierte in den meisten Kantonen noch nicht. Damals wurde erwartet, dass die Kinder schon früh arbeiteten, um den Lebensunterhalt ihrer Familie mit zu sichern; viele Schweizer:innen lebten in armen Verhältnissen.
Wandel verstehen – mit Professor Criblez
Lucien Criblez ist emeritierter Professor für Historische Bildungsforschung an der Universität Zürich. Er erforschte die Entwicklung des Schweizer Bildungssystems, insbesondere der Lehrerbildung, und war an wichtigen Studien zur Entstehung der Pädagogischen Hochschulen beteiligt.
Mit der Einführung der Schulpflicht gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchten einzelne Kantone auch die Kinderarbeit zu bekämpfen. Die Idee einer Bildung für alle begann sich durchzusetzen. Die Schulpflicht beschränkte sich zunächst auf die Primarschuljahre (meist sechs Jahre). Später wurde die Schulpflicht auf acht Jahre, dann auf neun und bis heute auf elf Jahre (inklusive Kindergarten) verlängert.
Im 19. Jahrhundert gab es zunächst keine Berufslehren im heutigen Sinn. Nach der Schulzeit gingen die Schüler:innen direkt arbeiten, viele davon in der Landwirtschaft, der Hauswirtschaft, in Handwerksbetrieben oder Fabriken.
Immer mehr Kinder wurden (immer besser) ausgebildet und auch die Verlängerung der Bildungszeit trug dazu bei, dass der Bedarf an gut ausgebildeten Lehrer:innen stieg. Bei der Einführung der Lehrerseminare ging es vor allem darum, den Schulen qualifiziertes Personal zur Verfügung zu stellen.
Professor Criblez meint dazu: «Wenn sich die Schule verändert, muss sich auch die Lehrerausbildung verändern.»
In den ersten Lehrerseminaren lernten die angehenden Lehrer:innen vor allem das Schulwissen, das sie später unterrichten sollten. Später kam der berufspraktische Teil dazu: Übungsschulen, also Schulklassen, mit denen die zukünftigen Lehrpersonen das Unterrichten üben konnten, wenn auch nur in einem bescheidenen Rahmen, wurden eingeführt. Das waren die Anfänge der umfangreichen Praktika in der heutigen Lehrerbildung.
Die Ausbildung der Primarlehrer:innen dauerte zunächst nur ein Jahr, wurde später auf vier, nach 1975 auf fünf Jahre verlängert. Dabei kamen weitere Ausbildungselemente wie Didaktik, Pädagogik und Psychologie hinzu. Ein wichtiges Element war damals auch die Schulkunde, in der über die rechtlichen und organisatorischen Grundlagen des Unterrichtens informiert wurde: Wie ist das Schulsystem organisiert; welches sind die Rechte und Pflichten der Lehrer:innen (und der Eltern); wie funktioniert der Umgang mit den Aufsichtsbehörden?
Die frühen Seminare waren geschlechtergetrennt. Die Seminare für Lehrerinnen waren zunächst eher auf die Primarstufe fokussiert, die Seminare für Lehrer auf die ganze Volksschule, insbesondere auch auf die Primaroberstufe.
Fachspezifisch war die Ausbildung für Männer und Frauen in vielen Bereichen ähnlich, aber es gab auch Unterschiede. Erklärt durch die erwähnten Schulstufenschwerpunkte, die unterschiedlichen Rollenbilder und die unterschiedlichen Lehrpläne für Mädchen und Knaben (zum Beispiel Handarbeiten). So wurden zum Beispiel Mathematik und Geometrie in Lehrerseminaren stärker gewichtet als in Lehrerinnenseminaren.
Religion spielte in der frühen Lehrerbildung eine wichtige Rolle. Während meistens die Kantone für die Lehrerseminare verantwortlich waren, wurden viele Lehrerinnenseminare entweder von Privaten (Klöstern) oder Städten getragen. Es gab aber auch private evangelische Lehrerseminare in den Kantonen Bern, Graubünden und Zürich (Beispielsweise: Muristalden und die Neue Mittelschule (NMS) in Bern). Oder Klöster leiteten Lehrerinnenseminare in der Zentralschweiz, darunter Ingenbohl (SZ) und Baldegg (LU).
Es gab häufig Konflikte zum Thema Religion. Auch die staatlichen Seminare waren anfangs nicht konfessionslos – Religion war eines der wichtigsten Unterrichtsfächer. Erst nach 1874 mit der neuen Bundesverfassung sollten Schulen – und auch die staatlichen Seminare – weltanschaulich neutral werden. Doch die Umsetzung dauerte lange. Beispielsweise Schulen und Lehrerseminare in den Zentralschweizer Kantonen waren bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts stark katholisch ausgerichtet.
Die kantonal geregelte Lehrerbildung war jeweils an den kantonalen Lehrplänen ausgerichtet, wobei es zwischen den Kantonen starke Unterschiede gab. Professor Criblez: «Im Kanton Bern hat man die Lehrpersonen auf das Berner Schulsystem vorbereitet und im Kanton Zug auf das Zuger Schulsystem.»
Die heutige Harmonisierung der Lehrpläne hatte ihren Anfang erst in den 1970er Jahren. Die Lehrer waren nicht mobil wie heute: sie erhielten ihr Patent von ihrem Kanton und konnten in der Regel auch nur dort arbeiten. Vor der heutigen Freizügigkeit zwischen den Kantonen, die erst in den 1990er Jahren entstand, war es schwierig, eine Stelle in einem anderen Kanton zu finden. Je nach Stellenmarktsituation wurde man zu einer Weiterbildung verpflichtet.
Mit der Verlängerung der Lehrpersonen-Ausbildung stand mehr Zeit für eine vertiefte Allgemeinbildung zur Verfügung. Auch die verlängerte Schulpflicht, wissenschaftliche Entwicklungen und neue gesellschaftliche Erwartungen führten dazu, dass neue Fächer wie Geometrie, Knabenhandarbeit oder Heimatkunde in den Schulunterricht und die Lehrerbildung aufgenommen wurden. Für einige dieser Fächer wurden sogar spezialisierte Seminare eingerichtet – etwa für Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerinnen.
Gesellschaftliche Veränderungen wirkten sich immer direkt auf die Inhalte der Lehrerbildung aus. Beispiele aus verschiedenen Epochen zeigen, wie stark Schule und Ausbildung auf aktuelle Herausforderungen reagierten: Im 19. Jahrhundert wurde in den Seminaren Landwirtschaft unterrichtet – aus der Annahme heraus, dass viele Kinder später in der Landwirtschaft arbeiten würden. Das Schulwissen sollte ihnen helfen, ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Religion war einst ein zentrales Pflichtfach. Ihre Bedeutung nahm jedoch stetig ab, bis sie vielerorts zu einem freiwilligen Fach wurde. Turnen wurde mit der Militärordnung von 1874 zum Pflichtfach – zunächst für Knaben als Vorbereitung auf den Militärdienst, später auch für Mädchen zur Gesundheitsförderung.
Naturkunde hatte anfangs nur geringen Stellenwert, gewann aber mit dem Aufschwung der modernen Naturwissenschaften kontinuierlich an Bedeutung. Auch aktuelle gesellschaftliche Themen fanden Eingang in den Unterricht: So wurden Lehrpersonen in den 1980er-Jahren beauftragt, über AIDS aufzuklären und zur Prävention beizutragen. Professor Criblez bringt es auf den Punkt: «Die Schule reagiert immer auf gesellschaftliche Veränderungen – und damit auch die Lehrerbildung.»
Diese Dynamik zeigt sich auch in der Weiterentwicklung der Didaktik: Während fachdidaktische Überlegungen früher lediglich in die Allgemeinbildung integriert waren – etwa beim Erklären des Satzes von Pythagoras inklusive Unterrichtsanleitung – existieren heute für jedes Fach eigene Fachdidaktiken. Ob Deutsch, Mathematik oder Naturkunde: Die Frage, wie etwas vermittelt wird, ist heute genauso wichtig, wie welcher Lehrstoff vermittelt wird.
Ein wichtiger Faktor bei der Einführung der Pädagogischen Hochschulen (PH) war die gegenseitige Anerkennung der Lehrdiplome in Europa. In den 1990er Jahren öffneten sich die Grenzen für den Austausch von Arbeitskräften und Dienstleistungen. Auch die Schweiz wollte Voraussetzungen schaffen, damit Schweizer:innen in anderen europäischen Ländern arbeiten konnten. Für Lehrpersonen war dafür eine Ausbildung auf der tertiären Stufe nötig. Die Schweiz musste sich also anpassen: Die Ausbildung von Primarlehrpersonen wurde neu in die Hochschule verlegt und die bisherigen Lehrerseminare geschlossen. Die kantonalen Lehrdiplome waren somit auch im Ausland anerkannt.
Schweizer Lehrpersonen sollten jedoch nicht nur im Ausland, sondern neu in allen Kantonen der Schweiz arbeiten können – Zürcher:innen sollten auch in Bern arbeiten dürfen oder umgekehrt. Da ausländische Lehrpersonen angestellt werden durften, wollte man vermeiden, dass Schweizer:innen benachteiligt werden. Die Kantone schufen entsprechende rechtliche Grundlagen, um diese Freizügigkeit zu ermöglichen.
In dieser Zeit entstand auch in anderen Bereichen ein neuer Hochschultyp in der Schweiz: die Fachhochschulen. Hätte die Ausbildung für Primarlehrpersonen weiterhin am Seminar stattgefunden, hätte dies den Lehrer:innenberuf im Vergleich zu anderen Berufen stark abgewertet.
Die Lehrpläne vor PISA 2000 (Programme for International Student Assessment – Programm zur internationalen Schülerbewertung) waren eher Stoffpläne – Auflistungen, was die Schüler:innen wissen mussten. Die Lehrpläne nach PISA richteten den Fokus des Unterrichtens vermehrt auf Handlungskompetenzen für das berufliche, soziale und politische Leben. Die Konsequenz: Heute werden in den PH nicht mehr die pädagogischen Klassiker wie zum Beispiel Pestalozzi gelesen, sondern der Erwerb der nötigen Handlungskompetenzen steht im Fokus.
Auch haben sich die Ansprüche an die Methodenkompetenz der Lehrer:innen stark verändert: Der sogenannte Frontalunterricht – die Lehrperson erzählt an der Tafel und die Schüler:innen hören zu – geriet in Kritik. Heute werden die Lehrpersonen auf diverse Methoden-Settings, in denen auch das selbständige Arbeiten trainiert wird, vorbereitet.
Wo sich früher die Lehrer:innen an einem Klassendurchschnitt orientierten, stehen heute die einzelnen Schüler:innen im Fokus. Der Unterricht ist individualisierter, weil er an die einzelnen Schüler:innen angepasst wird. Es müssen nicht immer alle das Gleiche machen.
In vielen PH wählen die angehenden Primarlehrer:innen die Unterrichtsfächer. In den meisten Kantonen werden heutzutage sechs bis acht Fächer belegt. Im Kanton Bern allerdings existiert noch eine Generalistenausbildung; alle werden dafür ausgebildet, alle Fächer zu unterrichten.
In den Seminaren begann man die Ausbildung mit 15 oder 16 und schloss diese mit 19 oder 20 Jahren ab. Argument für dieses junge Alter war, dass die Jugendlichen noch «formbar» sind, was aus heutiger Sicht auch etwas problematisch ist.
Heute beginnt man frühestens mit
18 Jahren die PH, und macht den Abschluss mit circa 22 Jahren. Die Lernenden sind bereits erwachsen und entsprechend selbständiger. Lehrerbildung ist immer auch Erwachsenenbildung. Das wirkt sich auch auf die Ausbildung aus: Am Seminar war der Umgangsstil sehr paternalistisch. Dieser ist heute zum grössten Teil verschwunden.
Heute werden so viele Lehrer:innen wie noch nie zuvor ausgebildet. Der Bedarf an Lehrpersonal ist aber auch stark gestiegen. Trotzdem bleibt der Lehrpersonenmangel in der Volksschule ein Problem.