Warum uns die Grossratswahlen mehr kümmern sollten

Warum uns die Grossratswahlen mehr kümmern sollten

Sie sind weniger sichtbar als nationale Abstimmungen und weniger greifbar als Gemeindepolitik. Und doch entscheidet kaum eine politische Ebene so direkt über unseren Alltag wie der Kanton. Warum die Grossratswahlen im Kanton Bern mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Wenn in der Schweiz gewählt wird, richten sich viele Blicke nach Bundesbern. Dort passiert das Spektakel: Schlagzeilen, Parteistrategien, Duelle. Gleichzeitig unterschätzen wir oft eine Ebene, die weniger glamurös wirkt, dafür aber erstaunlich häufig darüber entscheidet, wie unser Alltag aussieht: den Kanton.

Im Kanton Bern wählen wir Ende März den Grossen Rat. 160 Personen werden dann in den nächsten vier Jahren darüber entscheiden, welche Gesetze gelten, wie viel Geld wofür zur Verfügung steht und welche Prioritäten der Kanton setzt. Das klingt nach Verwaltung. In Wahrheit geht es um sehr konkrete Fragen: Wie ist Schule organisiert? Wie entwickeln sich ÖV-Angebote? Wie wird gebaut? Wie wird Gesundheitsversorgung geplant? Wie hoch ist die kantonale Steuerbelastung?

Das Interesse an kantonaler Politik war generationenübergreifend – besonders viele junge Menschen beteiligten sich aktiv.
Bild: Hans-Peter Rub

Am Montagabend, 23. Februar 2026, haben wir im Lady Evelyn in Thun ein Wahlforum organisiert. Über 100 Personen diskutierten mit Kandidat:innen aus dem Wahlkreis Thun. Dabei zeigte sich schnell: Vielen ist nicht ganz klar, welche Kompetenzen der Grosse Rat tatsächlich hat. «Was kann dieses Parlament überhaupt entscheiden?» war eine der zentralen Fragen des Abends. Und genau dort beginnt das Problem. Wer die Zuständigkeiten nicht kennt, kann die Bedeutung dieser Wahlen nur schwer einordnen.

Was der Grosse Rat eigentlich macht

Der Grosse Rat ist das Parlament des Kantons Bern. Er beschliesst kantonale Gesetze, entscheidet über das Budget und kontrolliert die Regierung (den Regierungsrat) und die Verwaltung. Das ist kein abstrakter Dreiklang. Es sind drei Hebel, die im Alltag ständig wirken: Regeln, Geld und Kontrolle.

Kanton – Gemeinde – Bund: Wer entscheidet was?

Bund
Regelt Bereiche, die landesweit einheitlich sein müssen.
Beispiele: AHV, Armee, Aussenpolitik, Nationalstrassen, Strafrecht.

Kanton
Setzt Bundesrecht um und erlässt eigene Gesetze in zentralen Bereichen.
Beispiele: Volksschule, Spitalplanung, Polizei, Raumplanung, regionaler öffentlicher Verkehr, Kantonssteuern.
Der Grosse Rat beschliesst diese Gesetze und das kantonale Budget.

Gemeinde
Setzt kantonale Vorgaben um und gestaltet lokal.
Beispiele: Schulhäuser, Baugesuche, Sozialdienste, Gemeindestrassen, Gemeindesteuern.

Wichtig:
Die Gemeinde gestaltet vor Ort.
Der Kanton setzt die Leitplanken.
Der Bund definiert den übergeordneten Rahmen.

Viele Dinge, die wir als «Gemeindethema» wahrnehmen, hängen am Ende an kantonalen Rahmenbedingungen. Und viele Dinge, die wir als «Bundesthema» diskutieren, werden erst durch kantonale Umsetzung konkret. Der Kanton ist das Bindeglied. Und oft die Ebene, die spürbar entscheidet, ob etwas tatsächlich funktioniert.

Was macht eigentlich ein Grossrat? Das fragten sich viele Teilnehmer:innen am ersten Wahlforum von UND Generationentandem.
Bild: Hans-Peter Rub

Fünf Bereiche, in denen du kantonale Politik täglich merkst

Schule und Bildung

Ob Tagesstrukturen ausgebaut werden, wie Unterstützung in der Volksschule organisiert ist oder welche Vorgaben Schulen umsetzen müssen: Das wird nicht jedes Mal neu in jeder Gemeinde erfunden. Der Kanton setzt mit Gesetzen und Finanzierung Leitplanken. Gemeinden können gestalten, aber innerhalb dieser Rahmenbedingungen.

Als Vertreter der FDP diskutierte Carlos Reinhard am Wahlforum mit der Bevölkerung über kantonale Themen.
Bild: Hans-Peter Rub

Wenn du dich also über Klassengrössen, Ressourcen, Förderangebote oder Schulorganisation wunderst, lohnt sich ein Blick weg vom Schulhaus und hin zum Kanton. Denn dort wird entschieden, welche Regeln gelten und wie viel Geld dafür bereitsteht.

Gesundheit

Ähnlich ist es bei der Gesundheitsversorgung. Wo welche Leistungen erbracht werden, wie Versorgung geplant wird, welche Strukturen gelten: Das sind in der Schweiz sehr stark kantonale Fragen. Der Kanton plant, koordiniert, setzt Regeln und finanziert mit. Das klingt technisch – betrifft aber direkt, wie sicher man sich in einer Region versorgt fühlt und wie gut Angebote erreichbar sind.

Beispiel aus Thun: Wer organisiert den Rettungsdienst?

Ein Beispiel, das man in Thun direkt sieht, ist das Rettungswesen. Der Rettungsdienst Berner Oberland West (Spital STS AG) übernimmt die Grundversorgung im Grossraum Thun aufgrund einer Leistungsvereinbarung mit dem Kanton. Auch die Koordination der Einsätze läuft über die kantonale Sanitätsnotrufzentrale 144. Damit bestimmt der Kanton nicht nur «Rahmenbedingungen», sondern organisiert ganz praktisch, wie schnell und über welche Strukturen Hilfe im Notfall bei uns ankommt.

Öffentlicher Verkehr

«Warum fährt der Bus am Abend nicht häufiger?» oder «Wieso gibt es diese Anschlussverbindung nicht?» – solche Fragen entstehen lokal, werden aber oft kantonal beantwortet. Der Kanton plant und finanziert den regionalen ÖV mit. Und er entscheidet mit, ob in den nächsten Jahren ausgebaut, verdichtet oder gespart wird.

Als Thuner Gemeinderätin verantwortet Andrea de Meuron die Finanzen; am Wahlforum stellte sie sich als Grossratskandidatin den Fragen der Bevölkerung.
Bild: Hans-Peter Rub

Gerade in Regionen wie dem Wahlkreis Thun geht es dabei nicht nur um Komfort, sondern um Teilhabe: Wer keinen passenden ÖV hat, hat oft auch weniger Zugang zu Ausbildung, Arbeit, Kultur oder Gesundheitsangeboten. ÖV ist nicht «nice to have», sondern Infrastrukturpolitik.

Bauen und Wohnen

Ob verdichtet gebaut werden kann, wie Verfahren laufen, welche Vorgaben gelten und wie Planung grundsätzlich funktioniert: Auch hier setzt der Kanton zentrale Regeln. Wer schon einmal in einem Bau- oder Planungsverfahren stand – als Eigentümer:in, als Nachbar:in oder als Mieter:in –, weiss, wie stark Vorschriften, Fristen und Zuständigkeiten den Ausgang prägen.

Melanie Beutler vertrat die EVP auf dem Podium und diskutierte im Anschluss direkt mit den Teilnehmenden.
Bild: Hans-Peter Rub

Und wer sich über Wohnkosten ärgert, landet irgendwann bei Raumplanung und Bauvorschriften. Das sind nicht einfach Fragen der Gemeinde, sondern hängen an Regeln und Vorgaben des Kantons.

Beispiel aus Thun: Überbauungsordnung Bostudenzelg

Ein konkretes Beispiel aus Thun ist die Überbauungsordnung Bostudenzelg. Darüber hat die Stadt kürzlich abgestimmt – und dabei wurde sichtbar, wie stark kantonale Vorgaben in lokale Bau- und Planungsentscheide hineinspielen. Bei Überbauungsordnungen geht es nicht nur um einzelne Bauprojekte, sondern um Regeln für ein ganzes Areal: Dichte, Nutzung, Erschliessung, Gestaltung und Verfahren. Die Gemeinde entscheidet über die Planung vor Ort, doch sie bewegt sich dabei innerhalb kantonaler Rahmenbedingungen, etwa der Raumplanung und der Baugesetzgebung.

Steuern

Wir zahlen nicht nur Bundes- und Gemeindesteuern. Der Kanton erhebt ebenfalls Steuern – und der Grosse Rat entscheidet mit, wie diese kantonale Steuerbelastung aussieht. Wenn du also über Steuern diskutierst, diskutierst du auch über kantonale Politik.

Im Kanton Bern ist das sehr konkret: Bei der Einkommens- und Vermögenssteuer zahlst du nicht nur Bund und Gemeinde, sondern auch kantonale Steuern (die sogenannte Staatssteuer). Wie hoch dieser kantonale Teil ausfällt, hängt von der kantonalen Steueranlage ab. Diese legt der Grosse Rat jährlich im Rahmen des Budgetbeschlusses fest. Wer über Steuern diskutiert, diskutiert im Kanton Bern deshalb auch über Entscheide des Grossen Rates.

Das Budget ist Politik

Neben Gesetzen entscheidet der Grosse Rat vor allem über Geld. Und das ist oft der Punkt, an dem politische Ziele Realität werden oder eben nicht. Schulen können reformiert werden, wenn Ressourcen da sind. Der öffentliche Verkehr kann ausgebaut werden, wenn investiert wird. Gesundheitsversorgung kann geplant werden, wenn Finanzierung und Strukturen stimmen.

Grossratskandidatinnen Alice Kropf und Katharina Ali-Oesch diskutieren am Wahlforum mit Teilnehmenden aus dem Wahlkreis Thun.
Bild: Hans-Peter Rub

Das Budget des Kantons bewegt sich in einer Grössenordnung von rund dreizehn Milliarden Franken. Wer das Budget beschliesst, entscheidet damit nicht nur, ob «irgendwo gespart» wird, sondern wo die Schwerpunkte liegen: Bildung, Verkehr, Gesundheit, Soziales, Sicherheit, Kultur.

Unser Wahlforum: raus aus der Komfortzone

Am Montagabend wollten wir genau deshalb ein Format, das nicht bei Parolen stehen bleibt. Unser Wahlforum war kein Podium mit vorbereiteten Statements, sondern Gesprächsrunden. Über 100 Teilnehmer:innen konnten Kandidat:innen direkt fragen, nachhaken, widersprechen, konkret werden.

Gesprächsrunden statt Podium: Kandidierende und Teilnehmende diskutieren in kleinen Gruppen.
Bild: Hans-Peter Rub

Entscheidend war dabei unser System: Alle Kandidierenden gingen im Laufe des Abends an allen Tischen vorbei. Niemand suchte sich «sein» Publikum aus, und niemand blieb nur unter Gleichgesinnten. Jede Person im Raum sprach mit Vertreter:innen aller Parteien.

Konzentrierte Zuhörer:innen beim Wahlforum zur Grossratswahl im Wahlkreis Thun.
Bild: Hans-Peter Rub

Gerade in einer Zeit, in der politische Debatten schnell polarisieren und oft in Lager zerfallen, hat dieses Format einen einfachen, aber wichtigen Effekt: Man muss sich erklären. Man muss zuhören. Und man kann sich nicht darauf verlassen, dass das Gegenüber sowieso schon zustimmt. Das führt nicht automatisch zu Einigkeit – aber oft zu mehr Klarheit darüber, was die andere Seite tatsächlich will und wie sie arbeitet.

Einladung: Wahlpodium am 16. März in Steffisburg

Wer die Positionen nicht nur im Gesprächsformat, sondern auch in einer strukturierten Debatte vergleichen will, ist am nächsten Anlass willkommen:

  • Wahlpodium: Wie soll Thun im Grossen Rat vertreten werden?
  • Montag, 16. März 2026, 19 Uhr
  • Begegnungszentrum, Höchhusweg 17, 3612 Steffisburg

Im Zentrum stehen Fragen wie: Wie soll sich der Wahlkreis Thun in den nächsten vier Jahren im Grossen Rat positionieren? Welche politischen Schwerpunkte braucht die Region? Kandidierende diskutieren in zwei Runden (Parteien mit zwei oder mehr Sitzen / Parteien mit einem Sitz) über zentrale Themen für den Wahlkreis und zeigen auf, wie sie die Interessen der Region im Kantonsparlament vertreten wollen.

Auf dem Podium sind:
Samuel Krähenbühl (SVP), Madeleine Amstutz (parteilos), Samuel Kullmann (EDU), Konrad E. Moser (FDP), Alfons Bichsel (Die Mitte), Romeo Arnold (GLP), Jonas Baumann-Fuchs (EVP), Sven Heunert (SP), Magdalena Erni (Grüne).

Als Vertreter der EDU stellte sich Samuel Kullmann am Wahlforum den Fragen der Teilnehmer:innen.
Bild: Hans-Peter Rub

Am Schluss ist es ziemlich einfach

Der Kanton ist nicht die politische Ebene mit den grössten Schlagzeilen. Aber er ist oft die Ebene mit den grössten Auswirkungen auf das, was wir täglich erleben: Schule, ÖV, Gesundheit, Bauen, Steuern.

Eveline Salzmann spricht am Wahlforum in Thun über die Bedeutung der kantonalen Politik für den Alltag.
Bild: Hans-Peter Rub

Oder wie es Eveline Salzmann am Montagabend gesagt hat: Die Gemeinde kann vieles gestalten – aber die Rahmenbedingungen setzt der Kanton.

Darum lohnt es sich, diese Wahlen ernst zu nehmen. Informier dich, sprich darüber, stell Fragen – und geh wählen. Deine Stimme entscheidet mit, wer im Grossen Rat die Leitplanken setzt, innerhalb derer unser Alltag stattfindet.

0.0 starsyıldızSterneétoilesestrellas (0)

Ähnliche Beiträge

Warum uns die Grossratswahlen mehr kümmern sollten
Warum uns die Grossratswahlen mehr kümmern sollten
Warum Bargeld mehr ist als ein Zahlungsmittel
Warum Bargeld mehr ist als ein Zahlungsmittel
Weniger SRG?
Weniger SRG?
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest

0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen