Kurz vor der Pensionierung gründen ein paar gute Bekannte die Alters-Hausgemeinschaft «55». Alt werden mit Gleichgesinnten ist die Absicht. Ein paar Jahrzehnte später erzählen Bewohnende von ihren Erfahrungen mit dieser Wohnform.
Donnerstag, 15.01.2026
Text: Rebecca Horner (24) und Thomas Handschin (77)
Kurz vor der Jahrtausendwende machten sich in Bern ein paar gute Bekannte Gedanken zu ihrer Wohnsituation. Die Pensionierung stand in Reichweite, ein guter Moment für die Suche nach längerfristigen Lösungen. Ihnen war klar: Jetzt, wo die Kinder ausgeflogen sind, ist das eigene Haus zu gross geworden. Etwas Neues kam aber nur in Frage, wenn es altersgerecht gebaut war und ein Wohnen «bis zum Schluss» erlaubte. Läden und der öV sollten in der Nähe verfügbar sein, und jede/r seine eigenen vier Wände bewohnen.
Die Suche begann – und erwies sich als schwierig. Kein Objekt besass die gewünschten Eigenschaften. Schliesslich kauften sie ein Mehrfamilienhaus im zentrumsnahen Lorraine-Quartier, renovierten es aufwendig, versahen es mit einem Lift und entfernten die Schwellen im Zugangsbereich. Ein Gemeinschaftsraum mit Gästezimmer, eine Werkstatt, eine Waschküche, ein Innenhof und ein Keller sollten die täglichen Kontakte ebenso fördern wie die gläsernen Wohnungstüren. Pro Stockwerk war eine einzige Wohnung vorgesehen, die bei Bedarf aber ohne grossen Aufwand in zwei kleinere umgebaut werden könnte.
«Alt werden mit Gleichgesinnten» lautete die Absicht der Gemeinschaft, die sich in Anlehnung an ihr Alter «55» oder «füfefüfzg» nannte. Wir haben drei Bewohnende im Juli 2025 befragt, welche persönlichen Erfahrungen sie in diesem Vierteljahrhundert gemacht haben, und welche Tipps sie für Interessierte haben.
Pierin Schibler, «der Eigentümer»
Er wirkt viel jünger, ist mit seinen 92 Jahren aber der älteste Bewohner des «55». Er war von Anfang an mit dabei, um eine Eigentumswohnung zu finden, die ihm und seiner Frau zusagte. Im Gegensatz zu den künftigen Nachbar:innen war ihnen weniger am aufkommenden Gemeinschaftsgedanken gelegen. Weil sie viele Jahre mit ihrem Weingut in Italien beschäftigt waren, konnten sie sich bei der Planung nur beschränkt einbringen.
Pierin Schibler erinnert sich gerne an manche Anlässe und gemeinsame Ausflüge der «55»er. Problematisch waren für ihn die Diskussionen um die Gestaltung des gemeinsamen Eigentums. Weil sich unter ihnen ein Architektenpaar befand, das die Planung leitete, hatte es jeweils das letzte Wort.
«Ich wollte nie in ein Altersheim», sagt er laut und deutlich, denn: «Was soll ich dort mit den andern ü90 anfangen?» Im «55» hat er Kontakt zu den vertrauten Mitbewohner:innen, «das ist mir viel wert.» Pierin Schibler beansprucht mehrmals wöchentlich die Dienste der Spitex und eines Home-Service. Dank dieser Unterstützung kann er auch nach dem Tod seiner im Frühjahr verstorbenen Ehefrau weiterhin in der geräumigen Wohnung leben. Seine Fitness erlaubt es ihm, selbständig einkaufen zu gehen.
Würde er das Projekt «55» heute weiterempfehlen? Seine Antwort ist ein klares «Ja, aber». Der 92-Jährige würde es gerne weiterempfehlen, aber nur unter der Bedingung, dass die Planung durch Aussenstehende erfolgt. Nur so sei garantiert, dass die künftigen Nachbarn bereits in dieser wichtigen Phase einander gleichgestellt sind. Zudem sollte nach Möglichkeit auf eine altersmässige Durchmischung geachtet werden, zumal Gleichaltrige mit den Jahren kaum mehr Nachbarschaftshilfe leisten können.
In diesem Zusammenhang macht er aufmerksam auf die Organisationsform einer Hausgemeinschaft: Bei einem anstehenden Wohnungsverkauf dürfte in einer Genossenschaft deren Versammlung darüber entscheiden, welche der vorliegenden Bewerbungen den Zuschlag erhält und als neue Familie willkommen ist. Anders im «55»: Die einzelnen Eigentümer:innen dürfen ihre Wohnungen ohne das OK der Gemeinschaft verkaufen.
Therese Ghielmetti, «die Mieterin»
Therese Ghielmetti ist 2024 zum zweiten Mal ins «55» eingezogen. Zuvor hatte sie im Tessin als Alleinstehende auf dem Land gewohnt. Sie wollte das Stadtleben kennen lernen und zog in die Hausgemeinschaft Brunnmatt in Bern. Das Gemeinschaftsleben gefiel ihr dort sehr. Als aber im schönen »55« eine Wohnung frei wurde, ergriff sie die Gelegenheit und zügelte an den Schulweg im Lorraine-Quartier.
Dort genoss sie die Aktivitäten, die die Wohngemeinschaft zusammen unternahm. Bei der monatlichen »Vollmondsuppe«, die an jedem Vollmondabend im Gemeinschaftsraum stattfand und die auch so manche Quartierbewohner:innen anzogen, war sie stets mit dabei. Auch das gemeinsame sonntägliche Zmorge bereitete ihr viel Freude. Weil sie als einzige keine Tageszeitung abonniert hatte, organisierte die Hausgemeinschaft jeden Donnerstagmorgen ein sogenanntes «Pressecafé», an dem die Aktualitäten diskutiert wurden. Ab und zu gab es gemeinsame Mahlzeiten, zu denen man Bekannte mitbringen konnte. An den monatlichen Haussitzungen, bei denen Alltagsthemen der Hausgemeinschaft besprochen wurden, durfte sie als Mieterin ebenfalls teilnehmen.
Während neun Jahren genoss sie ihre Stadtwohnung, bis ihr Bruder an Parkinson erkrankte. Sie wollte sich um ihn kümmern und zog zu ihm nach Zollikofen. Nachdem er verstorben war und sie von ihren Berner Bekannten erfuhr, dass aus dem Gemeinschaftsraum eine Wohnung wurde, entschloss sie sich, an den Schulweg zurückzukehren.
Ihr gefällt die Hausgemeinschaft. Dabei findet sie, der Umgang sei gut. Zwar gab es in der Vergangenheit bei Entscheidungen einige Spannungen, doch die Konflikte beruhigten sich.
Für das positive Zusammenleben sind ihrer Ansicht nach die Konsens- und Diskussionsbereitschaft wichtige Voraussetzungen. Zuhören sollte man ebenfalls können und in den Sitzungen müssen die Fakten dominieren.
Therese Ghielmetti ist heute 82 und sagt ohne zu zögern, dass sie sofort wieder in eine solche Wohngemeinschaft ziehen würde.
Urs Grandjean, «der Architekt»
Zusammen mit seiner Gattin betrieb der heute 86-Jährige ein Architekturbüro und hatte beim Kauf des Umbauobjekts und der Planung des «55» einen massgebenden Einfluss. Er bewohnt die geräumige Parterrewohnung mit direktem Zugang in den Innenhof.
Die Aussicht, mit Gleichgesinnten ein derartiges Projekt zu realisieren, hat ihn zum Mitmachen motiviert. Weil das alte ehemalige Arbeiterhaus keinen Lift hatte, war für ihn «die hindernisfreie Erschliessung der Vertikalen» eine besondere Herausforderung. Ein komfortabler Lift fährt heute von zuoberst bis ins Kellergeschoss.
Früher habe man sich oft getroffen, auch am Abend. Mit zunehmendem Alter kam es seltener dazu, und «jetzt ist gar nichts mehr». Schade findet er auch die Umwandlung des Gemeinschaftsraums in eine Wohnung, und dass das Gästezimmer aufgehoben wurde. Trotzdem würde er das Unternehmen ein zweites Mal wagen – allerdings nur in der Art, wie man es sich zu Beginn vorgestellt hatte. «Heute wird leider nur noch verwaltet, nicht mehr gelebt.»
Da seine Gattin seit dem Frühling mit einer chronischen Krankheit im Spital lebt, wohnt er allein in seiner grossen Wohnung. Sein Fazit ist dennoch positiv: Wir haben viele gute Momente erlebt. Und: «Man lebt nicht von Enttäuschungen, sondern davon, dass es weitergeht.»
Vor zehn Jahren lebten elf Personen – 6 Frauen und 5 Männer – in den damals sieben Wohnungen. Drei davon sind in der Zwischenzeit verstorben, zwei sind ins Alters- und Pflegeheim umgezogen, und zwei Wohnungen haben die Besitzer gewechselt. Noch fünf der anfänglich elf Personen – zwei Frauen und drei Männer – wohnen weiterhin im «55».
Heute wohnen insgesamt 15 Personen im Füfefüfzg, darunter zwei Kleinkinder: die Vorboten des kommenden Generationenwechsels am Schulweg in Bern.